Was ist Polizeipsychologie?

Entwicklung

Neuer Mutprüfer

Wie in praktisch allen deutschsprachigen Ländern finden sich die ersten Hinweise für die Anwendung psychologischen Wissens auch bei der Schweizer Polizei in den frühen 20er Jahren. Damals wurden insbesondere in Deutschland und in der Schweiz erste Eignungsuntersuchungen mittels psychologischen Testverfahren durchgeführt (Stein & Poppelreuter 1990, Bosshard,1990). Ziele dieser ‚psychotechnischen Untersuchungen‘ waren die Leistungserkennung der untersuchten Personen sowie die Leistungssteigerung der Beamten unter Berücksichtigung der speziellen Arbeitszeiten (Schichtdienst) und anderen arbeitspsychologischen Rahmenbedingungen (Schulte, 1926). Auch wenn die Methoden dieser psychologischen Untersuchungen nach heutigen Massstäben zuweilen wunderlich anmuten (z.B. ‚Mutprüfer‘ in Schulte, 1926) waren sie Ausdruck des Bestrebens, für den Beruf des Polizisten geeignete Personen zu selektionieren.

In der Schweiz wurde seit 1923 am damaligen Psychotechnischen Institut Zürich (dem heutigen Institut für Angewandte Psychologie IAP) psychologische Testverfahren zur Eignungsabklärung künftiger Polizisten eingesetzt. Die Ursache der bemerkenswerten Tatsache, dass vor allem Staatsbetriebe zu den ersten Auftraggebern des Instituts gehörten, vermutet Rüegsegger (1986, S.145ff) im Umstand, dass Staatsstellen damals sehr begehrt waren und einmal eingestellte Personen nur schwer wieder entlassen werden konnten.

In den 60er Jahren wurden die ersten polizeilichen Anstrengungen unternommen, Psychologie als Fachdisziplin in einem Polizeikorps zu verankern. Insbesondere die Studentenunruhen 1967/1968 in Deutschland und Frankreich und die massiven Ausschreitungen in Zürich 1968 waren Anlass für die Zürcher Stadtpolizei, die Ausbildung der Polizisten den neuen Anforderungen anzupassen. Dazu gehörte neben der verbesserten Ausrüstung erstmals auch eine psychologische Vorbereitung der Einsatzkräfte zur Bewältigung des unfriedlichen Ordnungsdienstes. Auf die Initiative des Polizeibeamtenverbandes (PBV) der Stadtpolizei Zürich und mit der Unterstützung der politischen Führung der Stadt Zürich wurden in den Jahren 1969 – 1972 die ersten beiden Polizeipsychologen der Schweiz an der heutigen Hochschule für Angewandte Psychologie (HAP) ausgebildet. Aus Gründen der besseren Akzeptanz bei der Polizei waren diese beiden Psychologen Polizeibeamte, die aus dem Stadtzürcher Polizeikorps stammten.

Aufgaben

Die zentralen Aufgaben der neu geschaffenen Stelle Polizeipsychologe, die erstmals in einer Stellenbeschreibung 1969 festgehalten wurden, bestanden insbesondere in der

Diese grundsätzliche Aufgabenbeschreibung hat bis heute ihre Gültigkeit bewahrt, wenn sie auch in ihren konkreten Inhalten laufend den modernen Arbeitsanforderungen angepasst wurde. Aus diesen ersten psychologischen Dienstleistungen entwickelte sich bis heute ein umfangreiches Einsatzgebiet, das in Ergänzung zu den oben aufgeführten Aufgaben vor allem folgende Tätigkeiten zusätzlich beinhaltet:

Diese Vielfalt der Leistungen einer Polizeipsychologin oder eines Polizeipsychologen macht den Beruf interessant und sehr anspruchsvoll. Die Qualitäten, die jemand beispielsweise als Lehrperson oder Trainer im Fachbereich Psychologie mitbringen muss unterscheiden sich deutlich von denjenigen eines psychologischen Beraters oder Supervisors. Nochmals andere Anforderungen verlangt die Arbeit im konzeptionell-planerischen Bereich der Organisationsentwicklung oder den fachlichen Ansprüchen eines sich im Einsatz befindlichen Psychologen im Krisenmanagement vor Ort.

Aus dem Blickwinkel von Polizistinnen und Polizisten ist diese Vielfalt von Rollenangeboten eines Polizeipsychologen nicht immer einfach einzuordnen. Habe ich nun den Lehrer vor mir, den Berater, den Polizeioffizier oder eventuell einen  (Fach)Vorgesetzen mit Entscheidungskompetenzen? Hier gilt es, soweit als möglich Klarheit zu schaffen. Für den Polizeipsychologen stellt diese Rollenvielfalt eine grosse Herausforderung dar. Seine Aufgabe ist es, diese Rollen so nach aussen zu kommunizieren, dass er einerseits Kompetenzen und Grenzen sich selber bewusst hält und andererseits Dritten gegenüber klar vertritt. Die Gefahr einer Rollendiffusion kann so eingeschränkt werden.

Nach dem Vorbild des ersten polizeipsychologischen Dienstes in der Schweiz entwickelten sich in der Folge ähnliche Dienste in anderen Kantonen. Ein gemeinsames Merkmal dieser Dienste findet sich darin, das ausnahmslos Generalistenstellen geschaffen wurden, die praktisch alle der oben genannten Aufgaben beinhalten. Mit der zunehmenden Anzahl von psychologisch arbeitenden Personen bei der Polizei sind auch die Anforderungen in allen Bereichen deutlich gestiegen. Speziell hervorzuheben ist das Beratungsangebot für Polizistinnen und Polizisten. Dieser Aspekt polizeipsychologischer Arbeit wird (mittlerweile) enorm geschätzt und hat unserer Erfahrung nach in den letzten Jahren eine deutliche Steigerung der Nachfrage erlebt.

Berufsbild Polizeipsychologie

Die Entwicklung eines einheitlichen Berufsbildes Polizeipsychologie wurde in der Schweiz bis heute nicht verwirklicht. Zum einen liegt das daran, dass der Begriff Polizeipsychologie nicht eindeutig definiert ist. Chemnitz (1984) hebt beispielsweise zur Begriffsklärung drei Aspekte hervor:

Diese Umschreibung greift zu kurz für das, was in der Praxis mit der Arbeit von Polizeipsychologen verbunden ist. Nicht zuletzt ist es auch dieser fehlenden Präzisierung des Begriffes zuzuschreiben, dass sich zum Teil widersprüchliche Erwartungen an Polizeipsychologen ergeben (Stein & Poppelreuter, 1990).

Eine weitere Ursache für die vielförmigen Arbeitsinhalte von Polizeipsychologen liegt darin begründet, dass in der Schweiz die einzelnen Kantone über die Polizeihoheit verfügen und nicht der Bund. Ein eigentliches nationales Polizeigesetz fehlt. Die bisherigen Regelungen in den Kantonen sind auf historisch gewachsene Strukturen zurückzuführen, die zum Teil recht unterschiedlich sind.
Diese Rahmenbedingungen haben insofern Einfluss auf die Arbeitsinhalte von Polizeipsychologen, weil zum einen die rechtlichen Kompetenzen von kommunalen und kantonalen Polizeikorps sehr unterschiedlich sind und zum anderen auch die wirtschaftiche Lage eines Kantons den einen oder anderen Aufgabenschwerpunkt setzt.

Die hierarchische Eingliederung der Psychologen in den Polizeikorps der Schweiz ist nicht einheitlich geregelt. Es ist den einzelnen Korps überlassen, ob der Psychologe beispielsweise einer Stabsabteilung unterstellt ist oder ob er eine hierarchisch unabhängige Position im Betrieb einnimmt. Für die praktische Arbeit von Polizeipsychologen sind die mit der Eingliederung und Einstufung verbundenen Kompetenzen eine wesentliche Einflussgrösse. Das wird beispielsweise deutlich, wenn Psychologen als Teil des Systems für Konfliktlösungen beigezogen werden, die hierarchische Ebenen einbeziehen und beeinflussen, denen sie selbst unterstellt sind.

Statistisch gesehen arbeitet heute ein hauptberuflich angestellter Polizeipsychologe auf ca. 2000 Polizistinnen und Polizisten (Stand 2001). Die Stelleninhaber verfügen über einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss in Psychologie. Etwa die Hälfte arbeiteten früher selber als Polizeibeamte, bevor sie ihr Studium absolvierten. Allein schon die geringe Anzahl von Personen erschwert bis heute eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Berufsbild Polizeipsychologie. Bis auf wenige Ausnahmen überwiegt in vielen Polizeikorps nach wie vor ein eigentliches Pionierdenken in der Zusammenarbeit von Polizei und Psychologie.

Zukunft

Erfreulicherweise kann heute festgestellt werden, dass es zu psychologischen Fragestellungen deutlich weniger Berührungsängste gibt als bei den Anfängen der Psychologie in der Polizei. Dieser Trend dürfte sich in Zukunft noch verstärken. Ein wesentlicher Beitrag dazu leistet sicher die zunehmend bessere Verknüpfung von psychologischen Erkenntnissen mit der Berufsrealität der Polizistinnen und Polizisten. Die Art und Weise der ‚Übersetzungsarbeit‘ psychologischer Theorien in den praktischen Arbeitsvollzug legt heute mehr Wert auf die Erfahrbarkeit psychologischer Inhalte, als auf reine Wissensvermittlung. Diese Erfahrbarkeit orientiert sich an möglichst konkreten Arbeitsbeispielen und sollte nicht zu stark in der psychologischen Meta-Ebene angeboten werden.

Die Einstellung von Polizistinnen bei der Sicherheitspolizei der Schweizer Polizeikorps vor knapp 20 Jahren hat mit dazu beigetragen, dass Werte der polizeilichen Konfliktlösung verstärkt wurden, die früher bei Polizisten eher als schwach abgelehnt wurden. Tugenden wie Empathie, das Zeigen von Trauer, Angst oder Belastung sind heute akzeptiert. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass Themen wie z.B. der Umgang mit traumatischen Situationen, das Überbringen von Todesnachrichten oder die polizeiliche Arbeit bei Fällen von häuslicher Gewalt offener auf der sachlichen und emotionalen Ebene geschult werden können.

Damit dieser Trend eine kompetente Fortsetzung findet, ist es notwendig, dass Polizeipsychologen den Kontakt zur konkreten Arbeit an der ‚Front‘ nicht verlieren. Dadurch wird gewährleistet, dass Schulungsinhalte ständig den neuen Anforderungen in der Praxis angepasst werden können und aktuell bleiben. Zu entwickeln sind zusätzliche Bildungsgefässe, die Inhalte aufgreifen, die ohne die praktische Erfahrung der Polizistinnen und Polizisten nur mangelhaft im Voraus geschult werden können. Es gilt, in Zukunft eine modulare, besser auf das Erleben der Polizisten abgestimmte Aus- und Weiterbildung zu entwickeln. Diese Forderung gilt selbstverständlich nicht nur für die polizeiliche Arbeit im Kontakt mit ihrer Kundschaft, sondern z.B. auch für die Führungsarbeit im Betrieb selber.

Wenn es gelingt, künftig der Polizeipsychologie den Charakterzug eines ‚Reparaturdienstes‘ im Betrieb zu nehmen, ist ein grosser und wichtiger Schritt getan. Ziel muss es sein, die Psychologischen Dienste vermehrt als polizeilich integrierte Bestandteile für professionelles Arbeiten zu sehen. Die Entwicklung dieser Sichtweise hängt entscheidend davon ab, dass die vermittelten Inhalte auch in polizeilichen Extremsituationen Bestand haben und beispielsweise nicht in Konkurrenz zu einsatztaktischen Grundsätzen gesehen werden, sondern als deren sinnvolle Ergänzung.

Rahmenbedingungen

Die Zielsetzung der polizeipsychologischen Dienste beinhaltet die Förderung der sozialen Kompetenzen der Mitarbeitenden der Polizei. Dazu braucht es konsequenterweise die unterstützende Haltung der Polizeileitung. Ohne die Mitwirkung der Leitung und die gemeinsame Abstimmung auf betriebliche Zielsetzungen fehlt der Polizeipsychologie das notwendige Fundament.

Unserer Ansicht nach ist es auf der betrieblich-strukturellen Ebene von enormer Bedeutung, dass die Disziplin Polizeipsychologie (auch) künftig innerhalb der Organisationen eine angemessene Einstufung erfährt. Je tiefer sie in die Hierarchie des Polizeikorps eingebunden ist, desto ‚unwichtiger‘ wird sie vom Kader, den Polizistinnen und Polizisten wahrgenommen (vgl. dazu: Trum, 1983). Insbesondere die Vorgesetzten der Polizeikorps zeigen durch ihre Vorbildfunktion, welche ‚psychologische Kultur‘ in der Realität gelebt und vertreten wird. Erfahrungsgemäss prägt die Gruppennorm und der gelebte Führungsstil bei weitem mehr die Anwendung sozialer Kompetenzen, als die gemachten Erfahrungen in der Schulbank. Wenn die Diskrepanz zwischen vermittelter und gelebter Kultur zu gross wird, besteht die Gefahr, die Ausbildungsrealität als zu theoretisch und nicht anwendbar abzulehnen.

Die wachsenden Ansprüche an professionelle psychologische Arbeit in der Polizei stossen leider oft genug an finanzielle und damit auch an personelle Grenzen. Als Fachleute erwarten Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte kompetente Aus- und Weiterbildung sowie sachkundige Unterstützung in ihrer sehr anspruchsvollen Aufgabe.

Dinkelacker, H., Polizeipsychologie in der Schweiz, unveröffentlichter Artikel der Fachstelle Psychologie und Organisationsberatung POB, Stadtpolizei Zürich, Zürich 2001

Hptm Heinz Dinkelacker
Leiter Fachstelle Psychologie und Organisationsberatung POB